sehr geehrte frau mayröcker, mein unterbewußtsein stachelt mich dazu an, ihnen nicht zu schreiben. möglich dass ich mir dieses unterlassen nie verzeihen könnte. kreative verfehlung. aber ich bin in einer seltsamen liebe zu ihnen gefangen, die mir keine ruhe gibt. ich schreibe ihnen also, als ob sie schon tot wären. vieles erscheint erst notwendig, wenn es schon zu spät ist. ich lese nämlich viel von ihnen, müssen sie wissen, auch seit es mir ernst ist (zu schreiben, also was wir tun, es sollte uns ernst sein usw).
so habe ich irgendwann auch den hass auf sie verlernt, dass sie mir bereits vor jahren meine sprache raubten und für sich vervollkommneten, dass ich gar nichts mehr zu sagen hatte. erst nach und nach schienen sich mir wieder wege zu öffnen, dass ich heimlich einen schritt zurück gehen und versuchen konnte, etwas zu erzählen, von dem ich mir nicht sicher war, wohin es mich führen würde. doch am ende spielt es keine rolle. auch dass ich nicht weitergehen werden, als sie es konnte, ich werde gehen, so gut es geht und mich hin und wieder umsehen. ich habe sie in einem interview gesehen, in einem film, ich habe sie gehört, ich habe nie verstanden, wovon sie eigentlich reden. ich werde auch das leben nie verstehen. aber dass es schön ist, satz für satz, das weiß ich und das ist alles, was ich in meinen texten suche, dass es mir irgendwie gelingt, lebendig zu sein, nicht vorgefaßt, nicht eingeengt, sondern frei, dass ich mich hin und her wenden und allem einen sinn geben kann. sie haben mir den weg dahin gewiesen und dafür danke ich ihnen. hochachtungsvoll, ihre
Dienstag, 1. Juli 2008
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